
“Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam” so lautete 1962 das Motto der großen Impfaktion gegen Kinderlähmung. Damals erlebte Deutschland die vorerst letzte Polio-Epidemie. 1961 erkrankten 4.461 Menschen, 305 verstarben. 2002 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Europa als poliofrei erklärt. In tropischen Ländern kommt Polio jedoch immer noch häufig vor und kann nach Europa durch Reisende eingeschleppt werden. Länder mit erhöhtem Infektionsrisiko liegen in Südosteuropa, in Afrika und Asien. Neue Epidemien können jederzeit wieder ausbrechen, wenn der Impfschutz vernachlässigt wird. Die Erkrankung trifft vor allem Kleinkinder, aber auch ältere Kinder und Erwachsene sind von einer Ansteckung nicht ausgenommen.
Die Kinderlähmung ist eine akute Infektionskrankheit, bei der es durch Poliomyelitis-Viren zum Befall des zentralen Nervensystems und zu Lähmungen kommen kann. Die Viren werden über den Mund aufgenommen, passieren den Magen und Darmtrakt unbeschadet und werden dann über den Stuhl wieder ausgeschieden. Als Schmierinfektion können die Erreger so von Mensch zu Mensch übertragen werden. Die Ansteckung erfolgt meist durch die Aufnahme von mit Fäkalien verseuchtem Trinkwasser oder Lebensmitteln. Aber auch eine Ansteckung über eine Tröpfcheninfektion beim Husten oder Niesen ist möglich.
Die Infektion verläuft in mehr als 90 Prozent der Fälle symptomlos. Beim voll entwickelten Krankheitsbild durchläuft die Erkrankung typischerweise mehrere Stadien: Das Initialstadium dauert zwei bis drei Tage und verläuft wie ein grippaler Infekt mit Fieber, Abgeschlagenheit, Durchfall, Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen. Nach einigen beschwerdefreien Tagen (Latenzstadium) mit Fieberabfall kommt es zum meningitischen Stadium, also zur Hirnhautentzündung (Meningitis). Die Erkrankten klagen über Kopfschmerzen, Berührungsempfindlichkeit und haben eine Nackensteife (Meningismus). Das Lähmungsstadium (paralytisches Stadium) tritt nur bei jedem 100. Erkrankten auf. Es kommt zu schlaffen Lähmungen unterschiedlicher Ausprägung und Verteilung. Am häufigsten sind die Beine betroffen, die Lähmungen sind asymmetrisch. Bei der so genannten zerebralen Kinderlähmung können auch Krämpfe und Bewusstseinsstörungen auftreten. Als bedrohliche Komplikation kann die Lähmung auf das Atem- und Kreislaufzentrum übergreifen.
Die Impfung gegen Kinderlähmung zählt zu den Standardimpfungen, die für alle Bundesbürger empfohlen wird. Eine Impfung kann die Erkrankung zuverlässig verhindern. Dennoch verfügen in Deutschland nur 87 Prozent aller Jugendlichen über einen ausreichenden Impfschutz und nur 67 Prozent der über 40-jährigen. Die Immunisierung von Kindern wird ab dem dritten Lebensmonat empfohlen, eine Auffrischimpfung im Alter von 9 bis 17 Jahren. Wer als Kind nicht ausreichend gegen Kinderlähmung geimpft wurde, sollte dies nachholen. Bei der Grundimmunisierung ab dem Jugendalter werden zwei Impfungen im Abstand von 4 bis 8 Wochen und eine dritte Impfung mindestens 6 Monate nach der zweiten Impfung vorgenommen. Erwachsene mit mindestens vier dokumentierten Impfungen -egal ob Schluckimpfung oder injizierte Impfung- im Kindes- und Jugendalter bzw. nach einer Grundimmunisierung im Erwachsenenalter gelten als vollständig immunisiert. Eine weitere Auffrischung im Laufe des Lebens ist dann nicht mehr notwendig, soweit man keine Fernreisen in Ländern mit einem erhöhten Infektionsrisiko tätigt. Sonst empfiehlt sich eine Auffrischung alle 10 Jahre.
Als Polio-Impfstoff wird in Deutschland mittlerweile ausschließlich die inaktivierte Polio-Vakzine (IPV) verwendet. Dieser Impfstoff wird muskulär injiziert und hat Vorteile gegenüber der aktiven Schluck-Impfung, die in wenigen Ausnahmefällen zu einer impfbedingten Polio-Erkrankung führen konnte.
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